Crazy

Tja – die Crazy und ich. Wir haben eine ganz besondere Beziehung. Klingt im ersten Moment merkwürdig, lässt sich aber erklären:

Eigentlich habe ich mich schon immer mit Musik beschäftigt. Sofern ich nicht in der Arbeit sitze, läuft Musik. Manchmal sitze ich stundenlang einfach so im Wohnzimmer oder vor dem Computer und höre mich durch meine Alben oder Spotify Playlists. Mit meinen (für mein damaliges Verständnis sehr guten) Canton Chrono 509.2 DC habe ich so in Summe einige Wochen und Monate verbracht. Der Bruder eines Freundes hatte sich vor einigen Jahren Lautsprecher gebaut, in deren Genuss ich eines Tages kommen durfte. Es handelte sich dabei um das Unihorn-M (das “M” steht für die Mivoc-Treiber) aus der bekannten Zeitschrift “Klang & Ton”. Und der Klang: eine ganz andere Welt! Druckvoll, Groß und unheimlich fein auflösend. Einfach faszinierend! Kein Vergleich zu den Cantons und das obwohl das Paar fast 900€ gekostet hat.

Einige Zeit habe ich versucht, an die Mivoc-Treiber zu kommen und diese Lautsprecher nachzubauen. Erfolglos und zum Glück, wie sich später rausstellen sollte. Mit der Zeit ist das Thema “Lautsprecherbau” dann auch irgendwie wieder aus meinen Gedanken verschwunden. Das sollte es aber nicht gewesen sein.

Besagter Freund hatte zu der Zeit in seinem Wohnzimmer ein kleines JBL Surroundystem am Laufen und war damit nie so wirklich zufrieden. Klar, wenn man einen Bruder hat, der solche Monster in seinem Wohnzimmer stehen hat. Als er sich wieder mal um mein Auto gekümmert hat (diesmal ein bisschen mehr als nur mal eben Bremsen wechseln), hat er mich gefragt, ob ich ihm nicht zum Ausgleich Lautsprecher bauen könnte. Er könnte das nicht und ich hab dann doch ein wenig Erfahrung mit Elektronik und Holzverarbeitung. Also habe ich mich auf die Suche nach passenden Lautsprechern begeben.

Zu diesem Zweck wurden die üblichen Verdächtigen Seiten abgeklappert. Google spuckt bei der Suche so einiges an Ergebnissen aus. Immer wieder jedoch, bin ich auf die Seite von Alexander Gresler (aka. Donhighend) gestoßen. Hier fiel mir die schmale und doch recht zierliche Crazy auf. Ein Standlautsprecher – perfekt! Genau das, was ich gesucht habe.

Was mich dazu bewegt hat, die Crazy nachzubauen, war einerseits die Beschreibung von Alex, vor allem aber die Kommentare unter der Aufbauanleitung. Auch die vielversprechenden Messungen und deren Diagramme trugen ihren Teil zu der Entscheidung bei.

Nach einer kurzen Absprache mit dem zukünftigen Eigentümer wurden kurzerhand die Treiber bei Pollin (6,95€ das Stück!!) und die Weichenteile bei Quint bestellt. Der Schaumstoffdiscounter führt das Fibsorb 50. Plus MDF aus dem örtlichen Baumarkt beliefen sich die Kosten für eine Seite auf knapp 100€. Erwartungshaltung? “Wird auf jeden Fall besser klingen, als die kleinen JBL”. Und so ging es dann an einem Abend im August 2017 mit meinem ersten Nachbau eines Lautsprechers los.

Als erstes wurden die Weichen aufgebaut:

Klar: die Weichen könnte man auch auf Brettchen aufbauen. Das ginge deutlich schneller und einfacher. Aus Gründen habe ich aber eine gefühlte Million Lochrasterplatten rumliegen und darum wurde diese Variante gewählt.

Zum Löten empfehle ich bleifreies Radiolot. Damit wird zusätzliches Flussmittel unnötig und trotz der Tatsache, dass es bleifrei ist, lässt es sich leicht verarbeiten. Ich verwende es quasi für alle Lötarbeiten an elektronischen Komponenten.

Als nächstes waren dann die Gehäuse dran:

Anzeichnen, vorbohren, fräsen. Für die Crazy habe ich mir extra eine Oberfräse besorgt – keine besonders teure, aber für den ein oder anderen Lautsprecher gehts auf jeden Fall. Da es das erste Mal war, dass ich mit einem solchen Werkzeug gearbeitet habe, wurde wie man sieht auf einem Probestück rumprobiert. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und die Chassis haben 1a gepasst. So ein bisschen Handwerkerstolz sei an dieser Stelle erlaubt 😉 

Die Gehäuse wurden mit normalem Ponal Holzleim verleimt. Wenn ich heute Gehäuse baue, dann verwende ich nur noch Ponal Express. Die Trocknungszeit beträgt ungefähr 5 Minuten und so sind Gehäuse richtig schnell aufgebaut. Man lernt eben mit jedem Projekt dazu.

Die Verstrebung im inneren soll mit dauerelastischem Kleber eingebracht werden. Ich verwende dazu Polymax, es geht aber auch jeder andere dauerelastische Montagekleber.

Vor dem Einsetzen der Treiber wurden dann noch die Fasen gesägt. Das geht auch ohne Tischkreissäge, wobei es mit einer solchen sehr viel schneller gehen dürfte. Um die Fasen anzubringen werden einfach 2 Aluschienen (Fußbodenübergangsprofile) mit Schraubzwingen am Gehäuse befestigt und dann mit einer Säge daran entlang gesägt. Leider habe ich keine Bilder von diesem Vorgang gemacht. Konnte ja keiner ahnen, dass die Bilder jemals den sicheren Hafen meines Handys verlassen und auf einer Homepage veröffentlicht werden.

Ja, im vorherigen Absatz steht “Aluschienen”. Das lässt sich auch ganz einfach begründen. Zwar sägt man unweigerlich in das weiche Alu hinein, kann aber die Säge korrigieren und dann munter weiter sägen. Würde man Stahlprofile oder ähnliches verwenden, würde man auch auf diese mit der Säge stoßen. In diesem Fall wird aber nicht die Schiene, sondern die Säge beschädigt und das will ja nun wirklich keiner. Die Aluschienen sind nach 4 Fasen ruiniert – bei einem Preis von nicht mal 1€ pro Schiene ist das aber zu verschmerzen. Welche Säge dazu verwendet wird, liegt einzig und allein beim Handwerker. Ich habe dafür eine Japansäge verwendet – ein Fuchsschwanz tut es aber auch. 

Hier also 2 Bilder der fertigen Gehäuse:

Leider war es das auch schon mit Bildern. Ich werde meinen Freund darum bitten, mir Fotos der fertigen Lautsprecher zu schicken. 

Bevor die Lautsprecher ihren Besitzer wechseln sollten, habe ich sie natürlich in meinem Wohnzimmer aufgestellt und ausprobiert. Und da war er: der Moment in dem sich für mich entschied, dass ich nie wieder teure Lautsprecher kaufen würde.

Es ist – wie der Name vermuten lässt – einfach Crazy, was aus diesen Lautsprechern tönt. Fast schon unverschämt. Im ersten Moment war ich einfach nur geplättet. Ich konnte nicht besonders laut hören, weil mein damals 2 Wochen alter Sohn im Wohnzimmer lag. Wie ich in einem Forum bereits geschrieben habe, hätte ich sie in diesem Moment knapp auf eine Stufe mit den Cantons gestellt und wollte sie für meinen Keller nochmals nachbauen. Als Beschallung während des Trainings oder beim Basteln. Aus diesem Grund habe ich mir nochmals einige TMT bei Pollin bestellt, da diese gerade im Abverkauf und kurze Zeit später schon gar nicht mehr verfügbar waren.

Zwei Tage bevor ich die Crazy dann abgegeben habe, fiel mir ein, dass ich den PEQ meines Verstärkers nicht angepasst habe. So haben die Crazy zuerst mit denselben Parametern nach der Raummessung gespielt, wie die Cantons. Also wurde kurzerhand der PEQ deaktiviert und nochmals ein bisschen Musik gehört.

Getestet wurde zuerst die Live-Version von “Hotel California” aus dem Album “Hell Freezes Over”. Das liegt daran, dass ich diesen Titel einerseits sehr gut von meinen Cantons kannte, andererseits auch ausreichend oft über die bereits erwähnten Unihörner gehört habe. Somit musste dieser Track als Benchmark herhalten. Und dann wurde aufgedreht. “Crazy” mit welchen Pegeln sie diesen Song in den Raum stellen – und das ohne jemals den Anschein zu erwecken, gleich aufgeben zu wollen oder zu müssen. Da sie in Zukunft aber vor allem mit elektronischer Musik gefüttert werden würden, musste auch hier die ein oder andere Scheibe aufgelegt werden. Egal ob “Neelix – Looking Like We Usually Look”, “Stephan Bodzin – Singularity” oder “Extrawelt – Soopertrack”… Sie haben es einfach gespielt und das mehr als beeindruckend. Das soll nicht heißen, dass sie nur bei extremen Lautstärken gut klingen. Im Gegenteil: sie klingen AUCH BEI extremen Lautstärken einwandfrei. Es ist wirklich schwer in Worte zu fassen, wie mich diese Lautsprecher fasziniert haben.

 Am Ende habe ich die Lautsprecher von einem Bekannten folieren lassen und dann schweren Herzens ihrem neuen Besitzer übergeben.

Und so habe ich – ziemlich genau ein halbes Jahr nach der Fertigstellung der Crazy für meinen Freund – meine eigenen Crazy gebaut und die Cantons ihres Platzes verwiesen:

Wie das Finish der Crazy aussehen wird weiss ich noch nicht. Momentan stehen sie genau so in meinem Wohnzimmer und faszinieren mich Tag für Tag. Der Klang ist schön linear, druckvoll und fein auflösend.

Auch einen Vergleich mit den Unihörnern müssen die Crazy nicht scheuen. Sicherlich klingt ein AMT anders als ein Ringradiator und auch ein Horn stellt den Bass anders in den Raum, als ein Bassreflexlautsprecher. Dafür klingt die Crazy linearer und nervt zu keiner Zeit.

Mein Dank geht an dieser Stelle an Alexander Gresler, der diesen wirklich sehr fantastischen Lautsprecher entwickelt hat. Er zeigt mit seinem Können und seiner Gewissenhaftigkeit, dass ein exzellenter Lautsprecher nicht teuer sein muss und dass die bekannten Hersteller auch nur mit Wasser kochen. Es ist schade zu sehen, dass die industriell in Massen hergestellten, teilweise sehr teuren Lautsprecher auf dem Markt teils nicht mal annähernd mit der Sorgfalt entwickelt werden/wurden, wie sie Alex an den Tag legt.

5 Antworten

  1. Hallo Rouven,

    vielen Dank für die lobenden Worte zur Crazy. Ich wünsche dir noch viele schöne und entspannende Stunden beim Musik genießen.

    Viele Grüße

    Alex

  2. Hallo Rouven,

    schöne “Love-Story”. Ich habe aber eine Frage zum Klang: Du schreibst bei elektronischer Musik ala Extrabreit würde nichts fehlen. Im letzten Bild aber sieht man einen mächtigen Sub.
    Wie ist denn die Tiefbass-Klangwiedergabe basslastiger Stücke? Kommt da genügend Tiefbass und Druck auf oder benötigen die Crazies hier etwas Unterstützung?
    VG

    1. Hallo Theo,

      Der Sub ist in der Tat mächtig. Seit dem Rückbau von 5.1 zu Stereo ist dieser allerdings nicht mal mehr angeschlossen. Aktuell dient er nur als lückenfüllendes Musikmöbel, damit mein kleiner Sohn mit seinen 14 Monaten nicht an den Kabeln spielt. Daher auch der nicht unbedingt schön anzusehende Alukoffer in der Ecke.

      Die Frage ist: was verstehst du unter “basslastige Stücke”? Ich selbst höre sehr sehr viel elektronische Musik und kann absolut nicht klagen. Bassorgien wie beispielsweise in Daft Punks “Doin’ it right” spielen sie absolut souverän. Es kommt immer auf die Aufstellung an: bei mir stehen sie fast ideal, bei einem Freund stehen sie sehr nah an der Wand und in der Ecke. Da ist der Bass teilweise schon zu mächtig, sodass der Bassbereich am Verstärker schon ordentlich rausgenommen werden muss.

      Eines ist aber klar: so eine Crazy mit 2 5-Zöllern wird niemals so druckvoll zuschlagen wie ein Standlautsprecher mit 2 8 oder 10-Zöllern.

      Viele Grüße,

      Rouven

  3. Vielen Dank – die Darstellung hilft schon sehr – ich denke daher über einen Nachbau der Nachfolger nach. (3x “Nach” in einem Satz – Deutschlehrer schüttelt’s, mir gefällt’s)

    Übrigens – klasse Bericht, informativ und motivierend. Danke an der Stelle dafür.

    P.S. wenn der 14 Monate Nachwuchs anfängt Interesse an Membranen und dem netten kleinen Stubsi der HT zu entwickeln reden wir nochmal.
    Da wäre irgend ein Schutz wohl temporär sicherlich nicht verkehrt. Dies steht zwar Herrn Gesslers klarem Statement entgegen, dies tunlichst zu vermeiden, aber dient der Sache. (Habe auch so einen Wurm und das Thema macht mir noch etwas Sorge)

    1. Danke für die Blumen.

      Die Membranen der Crazy Again sind ein wenig unempfindlicher. Das größte Interesse hat der Zwerg so mit 9-10 Monaten gezeigt, als er sich so langsam überall hochgezogen hat. Nach der anfänglichen Neugier und dem ein oder anderen kräftigerem „Nein“ von Mama und Papa lässt er die Lautsprecher jetzt gänzlich in Ruhe. Das kann sich zwar auch wieder ändern, aber aktuell habe ich keinen Schmerz damit, die Lautsprecher ohne Schutzmaßnahmen dort stehen zu lassen.

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