„Retro ist das neue modern“ – diesen Schluss lässt zumindest das immer größer werdende Angebot an neu aufgelegten Klassikern zu, wie beispielsweise die Yamaha NS-5000, Wharfedale Linton und anderen Lautsprechern namhafter Hersteller.

Die Lautsprecher der 70er und 80er hatten bzw. haben ihren ganz eigenen Charme: meist waren es 3-Weger, die man aufgrund ihrer Abmessungen gerade noch so oder gerade nicht mehr als „Regallautsprecher“ bezeichnen konnte. Heutzutage sind es eher die schmalen und zierlichen Standlautsprecher, die man in den Wohnzimmern vorfindet. Oder aber ganz kleine Kompakte – je nach dem, was der Wohnraum oder der Lebenspartner zulässt. Den Anstoß, einen solchen Retro-Lautsprecher zu entwickeln, gab ein Paar Tieftöner, die ich aus einem Restpostenangebot ergattern konnte. Dieser Tieftöner schrie aufgrund seines Aussehens förmlich nach dem Einsatz in einer Retro-Box und so wurde an einem Konzept gearbeitet, welches den Arbeitstitel „RB3“ bekam. Leider stellte sich der Tieftöner aufgrund seines TSP-Satzes als völlig unbrauchbar heraus. Da ich dieses Konzept aber nicht einfach so verwerfen wollte und einige mögliche Spielpartner bereits gefunden waren, musste Ersatz her.

Freund und D.A.U.-Mitglied Oli schlug dafür den Dayton DC250-8 vor. Dieser 10-Zöller aus DC Classic Serie sieht – wie der Name der Serie verrät – sehr klassisch aus ohne dabei altbacken zu wirken. Auch der TSP-Satz kann sich sehen lassen:

Hervorragende Parameter für ein geschlossenes Gehäuse. Eine Simulation in AJHorn zeigt das Verhalten in etwa 35 Litern ohne und mit HP-Kondensator:

Die Wahl fiel auf die Variante mit HP-Kondensator und so ergibt sich dann auch der Name der Box: Retro-Box, 3-Wege, geschlossen mit Hochpass oder kurz „RB3GHP-250“, denn schließlich ist im Bass der Dayton DC250 verbaut. In der vorgesehenen Box verhält sich dieser wie folgt:

Für den Hoch- und Mittelton standen wie zuvor erwähnt mehrere Kandidaten zur Auswahl. Relativ schnell war der Partner im Hochton gefunden. Für ein anderes Projekt hatte ich mir mal ein Paar Peerless / Tymphany BC25TG15-04 bestellt, welche auch in der Winterblues von Alex und Gazza zum Einsatz kommt:

Diese 25mm Kalotte passt optisch wunderbar in das erdachte Konzept. Erste Testmessungen zeigten, dass eine einigermaßen hohe Trennung notwendig sein würde, um ein für ein solches Konzept annehmbares Abstrahlverhalten zu erzielen.

Was den Mitteltonbereich angeht: da war die Wahl nicht ganz einfach. Getestet und gemessen wurden einige Chassis verschiedenster Hersteller. Alle mit mehr oder weniger zufriedenstellenden Ergebnissen. Auf der Suche nach der Frage, ob eine Retro-Box Fasen besitzen darf, verwies Oli mich auf die Seite audio-heritage.jp, auf der unter anderem die Yamaha NS-1000X zu finden ist. Diese zeigt, dass es auch in der „guten alten Zeit“ Lautsprecher mit Fasen gab. Inspiriert von diesem Lautsprecher wollte ich zunächst die Dayton RS52AN-8 Mitteltonkalotte einsetzen. Da ein Konzept wie das der RB3GHP-250 Konstruktionsbedingt breit abstrahlt und dies ebenfalls eine Eigenschaft einer Mitteltonkalotte ist, musste dieser Gedanke nach einer Messung jedoch verworfen werden. Das Sortiment von Dayton gibt aber noch viel mehr her. So zum Beispiel den ebenfalls aus der DC-Classic Serie stammenden DC130B-8 – ein sehr viel kleinerer Bruder des Tieftöners. Die Messungen auf der Testschallwand ließen hoffen:

Damit war das Trio komplett und die angefertigten Messungen wurden zur Simulation in VituixCAD importiert. Und hier begann dann die Jagd nach einer passenden Abstimmung und beinahe auch das Ende der RB3GHP-250…

Die Entwicklung dieses Lautsprechers begann Ende April 2020 – also vor mehr als einem Jahr. Zunächst hatte ich versucht einen möglichst glatten Frequenzgang auf Achse zu erzielen. Dabei habe ich versucht, die Senke bei 1 kHz auszugleichen und nach oben hin sollte ebenfalls alles möglichst glatt verlaufen. Konstruktionsbedingt strahlt ein solcher Lautsprecher jedoch sehr breit ab. In Kombination mit einem schönen Frequenzgang auf Achse führte das dazu, dass der Lautsprecher absolut nicht erträglich war. Männerstimmen kamen rüber, wie aus einem Megaphon gesprochen. Insgesamt ergab sich ein sehr unausgewogenes Klangbild. Verschiedenste Weichenversionen wurden simuliert und gesteckt, jedoch wollte sich einfach kein guter Klang einstellen lassen. Frustriert wollte ich die Kiste durch den Kamin jagen, jedoch habe mich erstmal dafür entscheiden, sie in die Ecke zu stellen und erstmal ruhen zu lassen. Ziemlich genau 1 Jahr später im April 2021 wollte ich diesem Lautsprecher nochmal eine Chance geben.

Was hat sich seitdem verändert? Tja: man lernt nie aus! Ein möglichst glatter Frequenzgang ist zwar wünschenswert, jedoch muss auch das Abstrahlverhalten und die in den Raum abgegebene Schallenergie passen. Letzteres war bei den ersten Versuchen nicht der Fall. Durch die breite Abstrahlung des Mitteltöners wurde sehr viel Energie in den Raum abgegeben. Ebenfalls ein learning: die Senke bei 1 kHz ist der breiten Schallwand geschuldet und lässt sich nicht vermeiden. Sie ließe sich abschwächen, würde man die Position von Hochtöner und Mitteltöner tauschen, wie Alex es bei seiner Pink Panther zeigt. Unter Winkeln wird die Senke ausgeglichen, weil diese dort nicht im selben Maße auftritt und fällt deshalb nachher nicht negativ auf. Versucht man jedoch so wie ich diese Senke durch die Beschaltung zu bekämpfen, entsteht hier in Summe ein Peak, der dann sehr wohl negativ auffällt. VituixCAD bietet dazu eine wunderbare Ansicht:

Diese zeigt das Energieverhalten des Lautsprechers, simuliert aus dem Achsfrequenzgang sowie der Winkelfrequenzgänge. Damit ein Lautsprecher nicht „am Ohr kaut“, sollte dieser Verlauf fallend gestaltet werden. Bei Lautsprechern mit schmaler Schallwand, Schallführung und/oder breiten Fasen stellt sich ein solcher Verlauf fast von allein ein (abhängig von der Beschaltung natürlich). All dies ist aber bei einem Lautsprecher im Retro-Format nicht gegeben. Das Beispiel oben zeigt was passiert, wenn versucht die Senke einigermaßen auszugleich und nach oben hin auf einen möglichst glatten Frequenzgang hin arbeitet. Die Energieabgabe verläuft nicht fallend, sondern der Lautsprecher gibt über das gesamte Frequenzband mehr oder weniger gleich viel Energie ab. Ein unausgewogenes Klangbild ist die Folge.

Schauen wir uns als nächstes an was passiert, wenn man die Senke nicht bekämpft und den Frequenzgang auf Achse leicht fallend gestaltet:

So sollte es sein. Der Frequenzgang sieht auf Achse zwar nicht mehr ganz so schön aus, jedoch lässt sich so ein ausgewogener Klang einstellen. Bonus: es werden deutlich weniger Bauteile benötigt. Um die Senke zu bekämpfen bzw. abzuschwächen, wären 2 Saugkreise vonnöten gewesen – 6 Bauteile, die man sich sparen kann. So wurde folgende Abstimmung simuliert:

Aus den in der Simulation ermittelten Bauteilen wurde eine Weiche gelötet und der Lautsprecher gemessen:

Mittlerweile liest sich der Satz beinahe so, als entstammte er einer Phrasensammlung, jedoch: die Messung zeigt wieder einmal eine sehr genaue Übereinstimmung mit der Simulation. Das Impedanzminimum liegt bei genau 5 Ohm.

An dieser Stelle möchte ich ein paar Worte zu Simulationsprogrammen verlieren. Es gibt durchaus Personen und selbsternannte Lautsprechergurus, die Simulationen für ungeeignet und nicht aussagekräftig halten. Dies wird dann anhand von Beispielen bildhaft untermauert, bei denen Simulation und reelle Messung unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich habe selbst auch die Erfahrung machen dürfen, dass eine Simu mit einer späteren Messung so gar nichts gemein haben wollte. Dies war aber immer und ausschließlich auf falsche bzw. fehlerhafte Messungen zurückzuführen. Simulationsprogramme funktionieren einwandfrei, sofern man in der Lage ist, diese richtig zu bedienen und mit korrekten Daten zu füttern. Ansonsten wäre der Sinn und Zweck solcher Programme nicht gegeben und wir könnten aufhören, diese zu verwenden. Wenn ein Simulationsprogramm nicht wie gewünscht funktioniert, so sitzt das Problem – wie bei fast jedem Stück Software – vor dem Computer und nicht darin.

Aber zurück zur RB3GHP-250… Der Hörtest bescheinigt: der nach oben hin leicht fallende Frequenzgang sorgt – wie erwartet – für ein ausgewogenes Klangbild. Nichts ist mehr übrig von dem ehemals „megaphonartigen“ Klang, der mir zu Beginn der Entwicklung die Haare grau werden ließ. Der Bauteileaufwand hält sich in Grenzen – lediglich im Tieftonzweig ist ein Sauger mit großer Spule und großem Kondensator nötig, um einen Buckel bei 200 Hz zu dämpfen.

Die beiden Kondensatoren im Hochtonzweig sind aufgrund ihrer geringeren Toleranzen als Folien ausgeführt. Im Tieftonzweig werden 20W Keramikwiderstände eingesetzt, der Rest sind allesamt 10W Keramiktypen. Der Hochton kann über den Parallelwiderstand im Spannungsteiler an den eigenen Geschmack angepasst werden. Erhöht man den Widerstand, wird der Hochton insgesamt lauter, eine Verringerung lässt den Hochton weiter absinken. Auch im Mittelton kann der Vorwiederstand verändert werden, um auch diesen ein wenig anzupassen. Falls der 470µF Kondensator nicht erhältlich sein sollte, so können 270µF und 220µF parallel zu 490µF zusammengeschaltet werden. Im folgenden Warenkorb wurde genau das gemacht, da im Quint-Store leider kein 470µF Kondensator verfügbar ist.

Alle Weichen- und Baupläne sind ausschließlich für die private Nutzung freigegeben. Jede Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung bedarf einer vorherigen Absprache und wird bei Missachtung strafrechtlich verfolgt.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. R N

    Hey, auch dieses Mal eine tolle Entwicklung, die schon optisch Lust auf Anhören oder gleich Nachbauen macht. Tolle Kombi!

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