Dass es im Moment überall zu Lieferschwierigkeiten kommt, hat wahrscheinlich jeder mitbekommen. Einige Produkte sind nur noch schwer zu bekommen, andere haben unglaublich lange Lieferzeiten und teilweise werden falsche Artikel geliefert. Der letzteren Tatsache ist es geschuldet, dass dieser Lautsprecher entstanden ist. Eigentlich hatte ich vor etwa 2 Wochen ein Paar “SB13PFCR25-8” bestellt. Eigentlich. Alex hatte diesen für ein Stand heute noch nicht fertiges Projekt gemessen und einerseits sind die TSP sehr praxisgerecht und andererseits sahen die akustischen Messungen sehr vielversprechend aus. Frei nach dem Motto “haben ist besser als brauchen”, habe ich also ein Pärchen bestellt. Wenige Tage später erhielt ich dann auch Post aus Frankreich um festzustellen: im Karton befindet sich ein Paar “SB13PFCR25-4-COAX”: 

Wie auch bei der nicht-Coax-Variante ist der Korb aus Kunststoff, wobei man dazu sagen muss, dass dieser einen wirklich stabil ist und einen guten Eindruck macht. Wo sie schon mal da sind, kann man sie auch mal eben durch DATS jagen. Dieses attestierte dann folgende TSP:

Diese Parameter entsprechen nicht ganz der nicht-Coax-Variante, sind aber deswegen nicht weniger gut zu gebrauchen. Meine beiden Exemplare messen sich praktisch gleich, was sehr erfreulich ist. So habe ich beschlossen, die Falschlieferung zu behalten und habe eine Simulation in AJHorn angestellt:

In schwarz dargestellt ist das für dieses Chassis ideale Volumen von 15 Litern Bassreflex. Rot zeigt ein Volumen von 13 Litern. Um die Box etwas kompakter zu gestalten, habe ich mich für die 13 Liter Variante entschieden, in der der 5-Zöller bis knapp unter 45 Hz spielt.

In meinem Bastelkeller befanden sich noch 2 Testgehäuse mit den Maßen (BHT) 210 x 350 x 300 mm aus 19 mm MDF. Das ergibt Netto etwa 13,5 Liter. Abzüglich des Volumenbedarfs von Chassis und BR-Port bleiben ziemlich genau 13 Liter übrig. Also habe ich die ursprüngliche Front kurzerhand abgesägt, eine neue angefertigt und aufgeleimt. Damit die Kiste nicht einfach aussieht wie eine Kiste, wurden links und rechts noch Fasen in Materialstärke gesägt. So schnell waren Gehäuse noch nie fertig 😉

Damit konnte ich mich auch schon an die akustischen Messungen machen. Zunächst der Hochtöner:

Ab 4 kHz ist das ein bisschen unruhig, was sich aber unter Winkeln egalisiert. Der einigermaßen starke Anstieg bei 1,3 kHz wird in die fallende Flanke fallen und wohl etwas Zuwendung benötigen. Alles in allem verhält sich dieser Hochtöner so, wie man es bei einem Coax dieser Bauart erwarten würde. Wie sieht es denn im Tiefmittelton aus?

Wer die Messungen der Kiano kennt weiß, dass es schlimmer aussehen könnte. Die tiefe Kerbe gibt eine Trennfrequenz von etwa 2,5 kHz quasi vor, was prima zum Hochtöner passt.

Nach dem Import der Messungen in VituixCAD habe ich verschiedenste Weichenversionen simuliert. Je länger man dem Hobby der Lautsprecherentwicklung nachgeht, desto mehr bekommt man ein Gefühl dafür, welche Topologie funktionieren könnte. Hin und wieder passiert es mir aber, dass die Weichen komplexer werden, als sie sein müssten. Hier noch ein Bauteil, dort noch eins und schon kostet die Weiche mehr als das Chassis selbst, welches in diesem Falle für gerade einmal 47,15€ in Frankreich zu erstehen ist. Oft sieht eine komplexere Weiche in der Simulation schöner aus als eine einfache, allerdings sind die Auswirkungen auf den Klang – wenn überhaupt vorhanden – sehr gering und rechtfertigen den erhöhten Bauteileaufwand in keinster Weise. Da bin ich froh, dass wir alle unsere Entwicklungen in unserem internen Forum diskutieren, denn dort hat man mich schnell an genau diese Tatsache erinnert. An dieser Stelle: Danke Jungs!

Nach ein paar Vorschlägen meiner Freunde im D.A.U. und weiteren eigenen Simulationen, habe ich mich für dieses Ergebnis entschieden:

Das sieht wilder aus, als es tatsächlich ist. Sieht man sich die Kerben auf Achse genau an stellt man schnell fest, dass die Abweichungen von einer gedachten Linie bei ca. 88 dB maximal 1,5 dB betragen und diese obendrein noch sehr schmalbandig ausfallen. Insgesamt stellt sich ein recht ausgewogenes Energieverhalten ein. Zwar geht das wie zuvor geschrieben sehr viel glatter, aber warum mehr Bauteile investieren, als tatsächlich nötig? Nach einiger Zeit des Hörens habe ich entschieden: das bleibt so!

Die Simulation ist ja schön und gut, aber misst es sich denn auch so?

Eine nahezu pixelgenaue Übereinstimmung mit der Simulation. Immer wieder faszinierend zu sehen, wozu ein frei zur Verfügung stehendes Stück Software wie VituixCAD in der Lage ist. Minimalste Abweichungen sind natürlich vorhanden, was aber unter anderem daran liegen dürfte, dass man bei manueller Betätigung des Drehtellers mal hier und mal da ein halbes Grad bei der Ausrichtung des Lautsprechers abweicht. Dazu gesellt sich dann ein möglicherweise leicht anderes Messfenster. In meinen Augen absolut unkritisch. Ebenfalls unkritisch: das Impedanzminimum liegt bei ca. 180 Hz bei 4,7 Ohm und ist daher unbedenklich für so gut wie jeden Verstärker.

Wie sieht sie nun aus, die “einfachere Weiche”?

Der Hochtöner benötigt ein 18 dB Filter und darüber hinaus lediglich einen Vorwiderstand, um ihn auf Niveau des Tiefmitteltöners zu bekommen. Im Tiefmittelton genügt ein 12 dB Filter mit einem kleinen Kondensator und einer ebenso kleinen Spule, um die Flanke zu modellieren und zu besänftigen.

Aufgrund der niedrigeren Toleranzen wurden die beiden Kondensatoren im Hochton als Folie ausgeführt. Aus genau demselben Grund wurde ein MOX Widerstand eingesetzt. Bei allen Spulen wurde auf Kernspulen gesetzt. So aufgebaut kommt die Weiche pro Seite auf gerade einmal 22,40€ (Stand 22.05.2022). 

Alle Weichen- und Baupläne sind ausschließlich für die private Nutzung freigegeben. Jede Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung bedarf einer vorherigen Absprache und wird bei Missachtung strafrechtlich verfolgt.

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Elle S