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Kennt ihr das? Manchmal muss man Dinge öfter hören, sehen oder drüber nachdenken, bis es “einrastet”. Bei vielen Stücken Musik erging es mir bereits so. Im Falle der als Coax-Bundle verkauften Chassis, bestehend aus dem Hochtöner T-1.0C und dem Tiefmittletöner W-132 der Firma Reckhorn, war es die Optik, die ein bisschen länger brauchte, um anzukommen. Immer wieder wurden sie angesehen und immer wieder habe ich mich gegen sie entschieden. Als ich dann für Freunde 2 weitere Paare der Hochtöner für die Eala bestellen musste, wurde kurzerhand ein Paar Reckhorn Coaxe mitbestellt. Bei einem Paarpreis von 67,98€ ist es auch schwer zu widerstehen. Die Wellen in den Sicken der Tiefmitteltöner geben hier den Namen vor: “Kiano”. Aus dem kenianischen übersetzt bedeutet dieser Name “der Wind in den Wellen” und hat nichts mit dem Schauspieler zu tun, dessen Name zwar ähnlich klingt, jedoch anders geschrieben wird 😉

Als das Paket dann nur 2 Tage später hier eintraf, wurden die Chassis auch gleich mit DATS gemessen, um zu sehen, was die Anforderungen an ein Gehäuse sind:

Zunächst fällt auf, dass sich die beiden gemessenen Chassis gleichen wie ein Ei dem anderen. Das spricht schonmal sehr für Reckhorn. Mit einem Qts von ca 0,35 eignen sich die Chassis hervorragend für den Einsatz in einem ventilierten Gehäuse. Doch wie groß muss es ausfallen? Das sollte eine Simulation in AJHorn zeigen. Als kleine Faustregel kann man in etwa sagen: bei einem Qts von knapp 0,4 (Qts = 0,35 + geschätzten 0,6 Ohm Vorwiderstand durch die Beschaltung) entspricht das benötigte Volumen in etwa dem Äquivalentvolumen (Vas). In diesem Falle wurde also zunächst mit 16 Litern simuliert – das ideale Ergebnis stellte sich dann mit 17 Litern ein:

Die Simulation verspricht in diesen 17 Litern einen Tiefgang von knapp über 35 Hz. Das ist mehr als ausreichend. Doch wie könnte ein 17 Liter Bassreflexgehäuse aussehen? Bei einem 5 Zoll “großen” Chassis bietet sich ein schmales Standgehäuse an, denn ein 17 Liter Kompaktgehäuse sieht bei der Chassisgröße schnell plump aus. Um ein Gefühl für die Dimensionen zu bekommen, wurde ein solcher Standlautsprecher kurzerhand in Fusion 360 konstruiert:

Sehr gefällig. Solch ein Lautsprecher mit einer Breite von gerade einmal 18 cm passt in so gut wie jedes Wohnzimmer. Auch der WAF wird hier bedient und sollte keinen Grund für lange Verhandlungen mit der Frau des Hauses liefern. Einzig zu bedenken ist, dass man diesem Lautsprecher ein wenig Luft zur Rückwand geben sollte.

Dank der in Fusion vorhandenen Funktion, mit wenigen Klicks eine Konstruktionszeichnung zu erstellen, war der Bauplan gleich angefertigt. Mit dem Plan ging es anschließend in die Werkstatt, um ein Testgehäuse aufzubauen. In diesem wurden folgende Messungen eingefangen. Zuerst der Hochtöner:

Und anschließend der Tiefmitteltöner:

Puuh… dass diese Art der Coax-Anordnung Probleme bereiten wird, war von Anfang an klar. Wie ausgeprägt die Probleme sind, zeigen diese Messungen. Der Hochton fällt nach unten hin bei 1,8 kHz von der kleinen Aufhängung runter, bevor der Schall dann wieder auf die Membran des Tiefmitteltöners prallt und von diesem reflektiert wird. Der Tiefmitteltöner wird durch den Hochton-Vorbau von 2,2 kHz bis 6 kHz blockiert.

Bei vielen Lautsprechern geht die Simulation einer Weiche vergleichsweise leicht von der Hand. Der erste “quick and dirty” Versuch, diesen Chassis eine Weiche auf den Leib zu schneidern, ist allerdings kläglich gescheitert. Entweder war der Frequenzgang auf Achse sauber, dafür unter Winkeln nicht zu gebrauchen oder aber umgekehrt. Hier musste mit viel Vorsicht vorgegangen werden. Am Ende kam diese Simulation dabei heraus:

Theoretisch ginge das glatter. Das würde aber einen nicht unerheblichen Mehraufwand an Bauteilen bedeuten. Eins der Ziele in der Weichenentwicklung war, diese so kostengünstig wie möglich zu gestalten. Bei einem Chassis-Preis von 67,98€ das Paar sollte eine Weiche meiner Meinung nach nicht nochmal so viel Geld verschlingen. Ein weiteres Ziel war es – und das ist und sollte immer das Ziel sein: der Lautsprecher sollte so ausgewogen wie möglich klingen. Dafür muss es auf Achse nicht immer linealglatt verlaufen. Im Gegenteil: verläuft der Frequenzgang auf Achse glatt, zeigt dafür aber unter Winkeln massive Überhöhungen, kann sich kein ausgewogenes Klangbild einstellen. Daher ist es oft besser, kleinere und auch mal größere Dips auf Achse hinzunehmen, wenn in diesen Bereichen unter Winkeln Überhöhungen angesiedelt sind. Genau das ist es, was dem erstgenannten Ziel in die Karten spielt.

Was sagt das Messmikrofon zur simulierten Weiche?

Das passt! Minimale Abweichungen sind vorhanden, diese sind aber nicht der Rede wert, da sie sich im Bereich von +/- 0,5dB bewegen. Hätte mich auch überrascht, wenn es anders gewesen wäre. Das Impedanzminimum liegt bei 5,2 Ohm. Die finale Weiche sieht so aus:

Allesamt günstige Bauteile, mit denen es möglich ist, die Kiano zu einem Stückpreis (Weiche + Chassis) von unter 60€ aufzubauen. Im Hochpass wurde aufgrund der geringeren Toleranzen ein Folienkondensator eingesetzt, bei allen anderen handelt es sich um handelsübliche, bipolare Kondensatoren. Wer möchte, kann im Hochtonzweig MOX Widerstände einsetzen – bei mir kommen normale Keramikwiderstände in 10W Ausführung zum Einsatz. 

Wie auch die Weiche, fällt das Gehäuse recht einfach aus. Im inneren schluckt ein interner Helmholtz-Absorber (IHA) eine Stehwelle bei ca. 214 Hz, eine Kreuzstrebe sorgt auch bei 16 mm Materialstärke für ausreichend Stabilität. Einzig die Form des Tiefmitteltöners macht die Fräsarbeiten ein wenig komplizierter. Irgendwas ist ja immer. Bei mir wird ein kleines, 3D gedrucktes Teil die Lücke auffüllen. Die umlaufende Fase von 10 mm ist optional und hat keinen Einfluss auf den Klang oder das Abstrahlverhalten.

Alle Weichen- und Baupläne sind ausschließlich für die private Nutzung freigegeben. Jede Form der gewerblichen Nutzung oder Verbreitung bedarf einer vorherigen Absprache und wird bei Missachtung strafrechtlich verfolgt.

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